Die Schweiz gilt für viele Ärztinnen und Ärzte aus Deutschland als attraktives Ziel.

Als Arzt Auswandern in die Schweiz – DocsGoSwiss im Interview

Neuanfang im Ausland

Viele wollen einfach wieder Arzt sein dürfen

Jedes Jahr entscheiden sich mehr als 600 deutsche Ärztinnen und Ärzte für einen Wechsel in die Schweiz. Der Berater Martin Werner von DocsGoSwiss begleitet diesen Schritt seit mittlerweile fünf Jahren. Im änd-Interview erklärt er, warum sich viele Niedergelassene nach einem anderen Arbeitsalltag sehnen – und was sie beim Neustart häufig unterschätzen.

Herr Werner, Sie begleiten Ärztinnen und Ärzte mit Ihrem Unternehmen DocsGoSwiss beim Wechsel in die Schweiz. Seit wann machen Sie das eigentlich?

Ich bin jetzt im fünften Jahr dabei. Am Anfang habe ich das noch nicht in Vollzeit gemacht, weil ich parallel noch in der Finanzbranche in der Schweiz gearbeitet habe. Die Idee entstand während der Corona-Zeit. Meine Frau ist Ärztin, wir sind selbst aus Deutschland ausgewandert – und haben auf beiden Seiten gesehen, wie groß der Bedarf ist: bei Ärzten, die über einen Wechsel nachdenken, und bei Einrichtungen in der Schweiz, die Personal suchen.

Was ist heute der häufigste Auslöser für diesen Schritt – Geld, Arbeitsbelastung oder Frust über das System?

Den einen Hauptgrund gibt es nicht. Das ist für jede Ärztin und jeden Arzt sehr individuell. Was man aber häufig hört, ist der Wunsch, endlich wieder Arzt oder Ärztin sein zu dürfen – also Zeit für Patienten zu haben, ohne ständig über Budgets oder Steuerungsinstrumente diskutieren zu müssen.

Dazu kommt oft der Wunsch nach einem geregelteren Arbeitsleben. Viele wollen nicht nur arbeiten, sondern auch Zeit für Familie oder Hobbys haben.

Geld spielt also gar nicht die Hauptrolle?

Es spielt schon eine Rolle, aber meist nicht die entscheidende. Oft ist es eher ein Muss-Kriterium: Wenn ich von meiner Arbeit nicht leben kann, scheidet ein Wechsel natürlich aus. Aber der ausschlaggebende Punkt ist häufig etwas anderes – Wertschätzung, Arbeitskultur und Lebensqualität.

Viele Ärztinnen und Ärzte verbinden mit der Schweiz automatisch bessere Arbeitsbedingungen. Wie viel davon ist Realität – und was ist Projektion?

Man muss sich das genau anschauen. Arbeitsrechtlich ist die Schweiz auf dem Papier nicht automatisch besser. Im Spitalbereich gilt häufig eine 50-Stunden-Woche.

Also formal sogar längere Arbeitszeiten als in Deutschland?

Zumindest auf dem Papier, ja. Entscheidend ist aber die Realität im Arbeitsalltag. Viele Ärzte berichten, dass ihre tariflichen Regelungen in Deutschland zwar gut klingen, aber in der Praxis oft nicht eingehalten werden.

In der Schweiz ist die Struktur häufig stabiler organisiert. Außerdem gibt es personell und finanziell oft mehr Ressourcen. Das wirkt sich spürbar auf die Arbeitsbedingungen aus.

Ich erinnere mich an einen HR-Leiter, der einmal zu mir sagte: „Herr Werner, nach drei bis sechs Monaten haben wir mit deutschen Hausärzten ein Problem. Die kommen aus einem System, in dem sie Patienten durchschleusen müssen – aber bei uns sollen sie das gar nicht.“

In der Schweiz reicht es oft, vier Patienten pro Stunde zu behandeln. Für viele deutsche Hausärzte ist das zunächst ungewohnt.

Welche Erwartungen werden beim Wechsel besonders häufig enttäuscht?

Ich würde eher sagen: unterschätzt. Viele unterschätzen schlicht, dass sie ins Ausland auswandern. Weil man Deutsch spricht, glauben viele automatisch, dass auch alles andere ähnlich funktioniert wie in Deutschland.

Obwohl sich Systeme und Kultur deutlich unterscheiden?

Genau. Das politische System, das Sozialsystem und auch die Kommunikation sind anders. Und daraus entstehen Missverständnisse. Die größte Herausforderung ist aus meiner Sicht die Integration. Mit der Unterschrift unter dem Arbeitsvertrag ist der Schritt ja nicht abgeschlossen – eigentlich geht es dann erst richtig los.

Plötzlich sind Familie und Freunde nicht mehr vor Ort. Vielleicht fehlen Eltern oder Großeltern. Gleichzeitig müssen sich Ärzte nicht nur beruflich integrieren, sondern auch privat.

Viele erleben deshalb, dass die Integration deutlich anstrengender ist als erwartet. Und wenn man schon innerhalb Deutschlands einen Klinikwechsel als stressig empfindet – neue Hierarchien, neue Kollegen –, dann gilt das im Ausland umso mehr.

Warum ist gerade die Anfangszeit in der Schweiz so kritisch?

Weil in dieser Phase sehr viele Dinge gleichzeitig passieren. Viele Ärzte kommen zu mir und sagen: „Herr Werner, ich habe schon einen Arbeitsvertrag – aber ich weiß eigentlich gar nicht genau, ob die Schweiz der richtige Schritt ist.“

Also eine Entscheidung, die oft getroffen wird, bevor alle Fragen geklärt sind?

Themen wie Steuern, Krankenversicherung, Kinderbetreuung oder auch die berufliche Perspektive sind oft noch völlig offen. Und dann kommt die kulturelle Integration dazu. Wie kommuniziere ich mit Kollegen? Wie funktionieren Hierarchien? Wie baue ich mir privat ein neues Umfeld auf?

Viele erleben nach der anfänglichen Euphorie erst einmal eine Phase großer Unsicherheit. Der Umzug wird real, die Kündigung ist ausgesprochen – und plötzlich merkt man, wie weitreichend diese Entscheidung ist.

Wie häufig erleben Sie Einsamkeit oder Überforderung bei neu angekommenen Ärzten – und warum spricht kaum jemand darüber?

Ich sehe natürlich vor allem die Fälle, in denen es Probleme gibt. Die Wechsel, die problemlos funktionieren, bekommt man weniger mit. Aber für die Betroffenen ist es oft eine enorme Belastung. Wenn ein Wechsel nicht funktioniert, wird das schnell als persönliches Scheitern empfunden.

Also ein Thema, über das man eher nicht öffentlich spricht?

Weder Arbeitgeber noch Ärzte sprechen gerne darüber. Für Arbeitgeber ist es unangenehm, wenn ein mühsam angeworbener Arzt schnell wieder geht. Und Ärzte selbst empfinden es häufig als Scham, wenn ein Auslandswechsel nicht klappt.

Dabei sind es oft ganz praktische Dinge: fehlende Vorbereitung, falsche Erwartungen oder eine schwierige Einarbeitung, die der Arzt nicht immer selber beeinflussen kann.

Was unterscheidet die Arbeitskultur in der Schweiz am stärksten von Deutschland?

Ein großer Unterschied ist die Konfliktkultur. In der Schweiz wird sehr stark auf Konsens geachtet. Offene Konflikte werden möglichst vermieden. In Deutschland wird Kritik oft sehr direkt ausgesprochen – manchmal auch ziemlich hart. In der Schweiz läuft das viel indirekter. Das Problem ist: Wenn man diese Signale nicht erkennt, wächst ein Konflikt im Hintergrund weiter. Und häufig knallt es erst dann, wenn jemand kündigt.

Ein zweiter Unterschied ist das Teamverständnis. In der Schweiz haben Pflegekräfte oder medizinische Praxisassistentinnen oft mehr Verantwortung und vertreten diese auch selbstbewusst. Für manche deutsche Ärzte ist das ungewohnt – andere erleben es als große Entlastung.

Wenn Sie einem unzufriedenen Vertragsarzt in Deutschland nur einen Satz mitgeben dürften: Welche Frage sollte er sich stellen?

„Was willst du?“

Das klingt simpel – ist aber wahrscheinlich schwer zu beantworten.

Sehr schwer sogar. Viele Ärzte sind so im Dauerstress, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie selbst eigentlich wollen. Manchmal geht es gar nicht in erster Linie um die Schweiz. Vielleicht geht es um mehr Zeit für Familie, um weniger Dienste oder um ein anderes Arbeitsumfeld.

Ärzte haben oft gelernt, immer weiter zu funktionieren – auch über eigene Grenzen hinweg. Deshalb ist es wichtig, sich diese Frage früh zu stellen: Was will ich eigentlich wirklich? Denn erst wenn man darauf eine ehrliche Antwort hat, kann man entscheiden, ob ein Wechsel ins Ausland tatsächlich die richtige Lösung ist.

Ein Beitrag von Marco Münster erschienen im änd Ärztenachrichtendienst am 15.03.2026